Kategorie: Allgemein

Rosemarie an Georg

Lieber Georg,

als ich heute nachhause fuhr, fühlte ich eine solche Gewißheit, daß Du daheim sein würdest! Nachher war es wieder nichts, wie 100 Mal vorher. Manchmal denke ich, ich kann einfach nicht mehr weiter. Da möchte ich mich hinlegen und keine Hand mehr rühren zu irgendeiner Arbeit. Dann aber zanke ich mich aus, weil ich meine Lage tragisch nehme. Viele Menschen dulden viel Schwereres, als uns auferlegt ist, u. sind ganz still u. tapfer dabei. Ein halbes Jahr Trennung. Das klingt gar nicht so schlimm. Und doch ist es mir, als ob ich manchmal einfach schreien müßte vor Kummer, weil ich Dich nicht sehen u. sprechen kann.

Ich male mir manchmal aus, wie es sein wird, wenn ich am Bahnhof stehe u. auf Dich warte. Dann kommst Du auf einmal auf mich zu. Es ist ganz schrecklich, jetzt an unser Wiedersehen zu denken.

Sei nicht böse, daß ich in Deine Weste weine! Ich kann u. mag nicht jemandem anders mein Leid klagen als Dir. Hoffentlich quäle ich Dich nicht damit. Du darfst schon vertrauen, daß ich mich zusammen nehme, wenn es sein muß.

Viele, viele Grüße

Deine Marusja.

Schreib, wie es mit deiner Wäsche wird. Sonst schicke ich Dir ohne Auftrag. Denke doch bei der Durcharbeitung Deiner Habil.schrift an die Mahnung Deiner superklugen Frau zu formaler Arbeit. Ich bin gar nicht so entzückt, daß Du „neues Material“ gefunden hast. Bitte, bitte nicht böse sein!

Brief von Georg

Mein armes, krankes Mädchen! Du brauchst dir keine Sorgen wegen meiner Ernährung zu machen. Das Essen ist hier durchaus ausreichend. Obst usw. kann ich mir immer in der Stadt kaufen lassen. Heute genieße ich den Feiertag und denke an dich, die da zu Hause krank liegt. Hoffentlich ist es dir inzwischen besser geworden. Ich bin sehr stolz darauf, daß du in deiner Schule einen so guten Ruf hast. Ich fühle mich viel ruhiger, wenn ich weiß, daß deine Zeit mit interessanter Arbeit ausgefüllt ist. Es tut mir nur sehr leid, daß ich dir in keiner Weise helfen kann. Deine Briefe bekomme ich zur rechten Zeit, und ich warte mit Ungeduld auf jeden Dienstag. Dies ist auch der Tag, mit dem eine neue Woche meines Lebens im Lager beginnt und genau registriert wird. Was denkst du in der Pfingstwoche zu machen? Sehe zu, daß du dich gut erholen kannst

Dein Georg.

Brief von Rosemarie

Lieber, guter Junge,

jetzt bin ich endlich wieder in meinem „Zuhause“, nachdem mich die Mutter vier Tage bei sich gepflegt hat. Da merke ich erst so recht, daß ich nirgends anders leben mag als in den Räumen u. bei den Dingen , die Dir u. mir gehören. Alle die vielen hellen, frohen Tage wohnen da mit drin, daß ich gar nicht allein bin. Es gibt schon wieder neue großmütterliche Petunien auf dem Balkon und die Weinranken habe ich heute fein sorgfältig um das Fenster gezogen, wobei ich sehr erfreut feststellte, daß Du voriges Jahr schon Draht gezogen hast, den ich gleich benutzen konnte. So ist der Balkon sommerlich wie voriges Jahr u. wartet bloß darauf, daß wir darin wohnen werden. Hoffentlich kommen bloß die Spatzen diesen Sommer nicht, um unter dem Wein zu schlafen und zu stinken.

Sage, bist Du unter die Romantiker gegangen? Du weißt, sie liebten es, Fragmente zu schreiben. Deine beiden letzten Briefe sind solche Fragmente. Oder vielleicht hast Du einen zweiten Bogen vollgeschrieben? Das ist offenbar nicht erlaubt. Also sieh zu, daß Deine nächsten Briefe mit dem traditionellen Georg schließen.
Ich bin sehr froh, daß Du mir versprichst, Rücksicht auf mich zu nehmen, wenn Du wieder zuhause bist.
Hat man Dir irgendwelche Mitteilung über die Dauer Deiner Schutzhaft gemacht?

Du schreibst im letzten Brief, daß wir uns wegen des Besuchsverbotes „kurze Zeit“ nicht sehen werden. An diesen Ausdruck klammere ich mich förmlich, obwohl Du vielleicht gar nichts gemeint hat, als Du ihn brauchtest.

Du schreibst mir, daß ich die Zeit meiner Einsamkeit gut ausnützen soll. Das sage ich mir selbst. Aber glaubst Du, um jeden Zeitraum so auszunützen, wie es sein sollte, bin ich manchmal viel zu müde. Ich sitze u. grübele zu viel u. denke an die Zeit, als wir beisammen sein durften. Aber immerhin versuche ich das zu bekämpfen. Meine Schularbeit muß ich ja tun, u. zwar so gut wie möglich. Dann halte ich auf Ordnung in unserer Wohnung, mir geben die Zimmer, wenn sie wohlaufgeräumt sind, ein Gefühl der Ruhe – das kostet auch Zeit. Übrigens geige ich viel u. beschäftige mich neuerdings mit pädagogischer Theorie. Bist Du nun zufrieden?

In den Sommerferien will Mutter mich einladen. Es ist sehr gut von ihr. Ich freue mich aber nicht sehr.
2. VI. Heute habe ich Deinen lieben Brief bekommen. So kurz er auch ist, bringt er mir Freude und Kraft. Denn es spricht lauter Sorge u. Teilnahme für mich daraus. Daß Du noch immer an einen anderen Menschen denken kannst, wo Du doch sicher selbst oft sehr traurig bist! – Denke Dir, wenn ich allein Rad fahre oder spazieren gehe, unterhalte ich mich oft leise mit Dir. Ich könnte es sonst gar nicht aushalten. Ein halbes Jahr sind wir jetzt getrennt. Nun, wir werden uns auch einmal wiedersehen.

Deine Rosel.

Brief von Rosemarie

Mein lieber Georg,

ich liege im Bett, um einen geradezu fürchterlichen Schnupfen auszukurieren. Es geht mir schon viel besser, morgen werde ich aufstehen. Du darfst Dich also nicht sorgen. Ich werde auch sehr gut versorgt. Trotz ihrer 71 Jahre kommt die Mutter jeden Tag herüber u. pusselt so klein und grau und rührend bei mir herum. Trotzdem habe ich manchmal ein ganz unvernünftiges Verlangen, daß Du Deine festen, warmen Hände auf meine Stirn legen möchtest. Da hätte ich gleich keine Kopfschmerzen mehr.

Besuchen darf ich Dich leider nicht. – Schreibe mir, ob Du die Briefe, die ich am Sonnabend schreibe, zum Posttag bekommst. – M. E. mußt Du unbedingt ein Gesuch machen, daß ich Dir Obst schicken darf. Wenn Du von dem dortigen Arzt (sicher gibt es einen im Lager) kein entsprechendes Zeugnis bekommst, will ich Dir gleich eines schicken.

Wir haben jetzt an der Schule eine junge Kollegin, die meine alte Klasse bekommen hat. Sie kommt vorläufig nicht zustande mit ihrer Aufgabe – das merken wir alle. Ich war der Meinung, daß man davon nichts der Schulleiterin sagen dürfte. Frau Wenke ist so klug, daß sie von selbst merkt, wenn die junge Kollegin auf die Dauer sich nicht zurechtfindet. Und vielleicht ist sie gar nicht unfähig, muß sich bloß ans Unterrichten gewöhnen. Aber es hat sich doch eine Kollegin gefunden, die unkameradschaftlich genug war, Frau Wenke alles zu erzählen. (Vielleicht hat sie es nur wegen der Kinder getan.) Seitdem ist das arme Mädel ganz mutlos. Jetzt habe ich ihr mal gesagt, daß man Unterrichten eben auch erst lernen muß, u. daß es fast allen im Anfang schwer fällt. Ich habe ihr aus dem „reichen Schatz meiner pädagogischen Erfahrung“ Ratschläge gegeben. Worauf sie sagte, ich hätte ja schon zwei Jahre Praxis, sonst würde sie sich von einer so viel jüngeren Kollegin kaum Rats erholen. Ich habe das aber als Kompliment aufgefasst: Sie muß mich für sehr jung halten – tatsächlich ist sie nur 1 ½ Jahre älter.

Ich bin immer wieder so zufrieden, daß ich in einer festgefügten Gemeinschaft arbeiten kann. Es gibt immer wieder neue Aufgaben charakterlicher oder intellektueller Art, es gibt die Fülle der verschiedenen fruchtbaren Beziehungen zu Kindern, Eltern, Kolleginnen.- Denke Dir nur, eben war die Schulleiterin bei mir u. hat mich gefragt, ob ich meine alte Klasse übernehmen will. Sie hat ganz ausgiebig bei der jungen Lehrerein hospitiert u. sagt, sie kann es nicht. Es wird für mich viel Arbeit sein – aber es muß gehen. Die Kollegin tut mir furchtbar leid, aber die Eltern haben sich schon beschwert.

Viele Grüße

Deine Rosel.

Brief von Georg

Meine liebe kleine Verschwenderin,

Geld und das schöne Paket erhalten. Ich bin dir sehr dankbar, daß Du alles so schnell besorgt hast. Zeitung brauche ich nicht. Die Wäsche wird hier gewaschen. Mit dem Gelde komme ich mindestens bis zum 15. Juni aus. Ich schreibe dir, wenn ich welches brauche.

Ich versuche auch aus meiner jetzigen Lage alles Gute herauszuholen. Auch du mußt deine Einsamkeit auf irgendeine Weise produktiv machen. Es wird schon die Zeit kommen, in der wir wieder zusammen sein werden. Dann sollst du alle Kummer vergessen, die du seit meiner Verhaftung erlebt hast. Du wirst dann sehen, daß ich nicht nur ein eigensinniger, sondern auch ein liebe- und rücksichtsvoller Mann sein kann. Es ist natürlich sehr traurig, daß wir uns, wenn auch nur für kurze Zeit, nicht sehen können. Du wirst aber doch auch so deinen Georg nicht

Brief von Rosemarie

Lieber Georg,

ich war gerade dabei, an Dich zu „orakeln“, (wie Vater meine Briefschreiberei nannte), da kam Dein ersehnter Brief, (vom 15.). Es war ¾ 6, als ich ihn bekam, ich hoffte aber doch noch, das Päckchen für Dich bis um 6 fertig zu kriegen. Leider ist es mir nicht gelungen, trotzdem ich ganz wild umhergesprungen bin. Es gibt aber irgend eine Stelle, die Pakete bis 11 Uhr abends annimmt. Die werde ich gleich erkunden. Ich freue mich immer ganz schrecklich, wenn ich ein bißchen was für Dich tun kann, alter, lieber Junge.

Ich bin ganz froh, daß Du gesund bist und daß Du mir ein wenig Haltung und Festigkeit zutraust. Schon um Dein Zutrauen nicht zu täuschen, werde ich mich nicht hinsetzen wie eine Trauerweide und jammern – obwohl das Ohne-Dich-sein schrecklich ist – immer schrecklicher mit jedem Tag. Da hilft eben nur arbeiten – und ich habe es ja eben gut, eine sinnvolle schöne Arbeit tun zu dürfen.

Also Du schreibst, daß ich Dich nicht besuchen darf. Überhaupt nicht? Das wäre ja schrecklich! Vernünftig betrachtet waren die halbstündigen Unterredungen vor einem Fremden ja nicht viel wert. Aber sie bedeuteten für mich eine große Kraftquelle. Man sah, daß Du da warst, man konnte Dich anfassen, um sich zu überzeugen, daß man wieder einmal bei Dir war. Als ich Dich das letzte Mal besuchte, überraschte mich eines: das hatte ich ganz vergessen, wie hell Dein Gesicht wird, wenn Du lachst. Dein Lachen kann ich seitdem immer sehen, wenn ich die Augen zumache.

Na, jetzt lachst Du über Deine sentimentale Frau.
Versäume ja nicht, Deine schmutzige Wäsche zu schicken, damit sie rechtzeitig gewaschen werden kann. Darfst Du Geldsendungen annehmen? Soll ich Dir eine Zeitung bestellen?

So, das wäre der Brief für die nächste Woche. Vergangene Woche habe ich mehr als einen geschrieben – die hast Du nun nicht gekriegt. Schade, ich war immer dankbar für diese Möglichkeit des Kontaktes zwischen uns. Aber im Grunde sind Briefe ja auch nicht nötig. Ich bin auch so bei Dir u. Du bei mir

Deine Rosel.

Brief von Rosemarie

Lieber Georg,

heute ist der gute Mittwoch, aber ein Brief von dir ist nicht gekommen. Na, Du hast sicher auch manchmal auf Briefe von mir warten müssen.

Ich war gestern bei Melzer, der mir wenigstens etwas sagen konnte, was mich freute: daß Du mit großer Selbstbeherrschung Deine schwierige Lage erträgst. Ich wußte das zwar genau – Nervenzusammenbruch ist nicht Deine Sache – aber es aus dem Munde eines so sachlichen und kühlen Beobachters zu hören, machte mir doch Vergnügen. Und darüber hinaus bedeutete es eine Aufforderung für mich, meine unvergleichlich leichtere Lage ohne Geschrei zu ertragen.

Ich hab’ es ja wirklich viel leichter. Wie muß man manchmal über die Kinder lachen! Hör nur zu: neulich unterhalte ich mich mit meiner neuen 8. Klasse1 (genau Hellas Alter) über Eltern, Großeltern usw. Da erhebt sich plötzlich die Winzigste und ruft, „Frau Dr. Sacke, mein Ur- Ur- Uropa ist vom Krokodil gefressen worden!“ Von dieser sensationellen Mitteilung war ich ganz erschlagen. Heute waren sie bei einer Kollegin unartig gewesen, u. ich mußte ein Strafgericht abhalten. Ich tat das mit der nötigen Verve2, bis 5 heulten. Da sahen sie so entsetzlich komisch aus u. rührend, daß ich beinah losgelacht hätte. Wohltuend ist auch die kordiale3 Anerkennung meiner Größeren, die mir versichern, Englisch sei „knorke“. Meine alte Fünfte kommt öfter, um mir zu versichern, bei mir sei es viel schöner gewesen, was ich mit großem Ernst zurückweise, obwohl es mich doch ein bißchen freut. Denke nicht, Georges, daß ich eingebildet bin. Aber Kinder sind so unbestechliche Richter, daß man ihr Urteil wirklich ernst nehmen darf.

Ich habe noch keine Besuchserlaubnis, sodaß ich vermutlich erst Sonnabend in 8 Tagen komme. Ich erhielt zwar von der Kommandantur des Lagers umgehend Antwort, die aber den Bescheid enthielt, daß Besuchserlaubnis nur von der Geheimen Staatspolizei erteilt wird. Dahin muß ich also schreiben.

Heute sind die Korrekturbogen Deiner Rezension eingelaufen. Ich sehe sie gleich durch.

Ich schicke Dir auf alle Fälle 15 M. Ärgere Dich nicht darüber, Dickkopf. Ich brauche sie nicht, und Du mußt Deine Gesundheit erhalten

Deine Marusja.

Brief von Georg

Konzentrationslager Sachsenburg

Sachsenburg, den 15. 5.35

Wünsche: Nagelschere, Rasierapparat mit Klingen (ohne Etui), Rasierpinsel u. –seife (aus dem Waschtisch!) Zahnputzglas. 2 Paar Unterhosen. Keine Hemden! Besuche sind nicht gestattet!

Meine liebe Kleine, nunmehr bist du im Bilde, wo ich bin. Ich arbeite an der frischen Luft und in schöner Umgebung, wie du es mir immer gewünscht hast. Es ist etwas ganz anderes als Einzelhaft. Mein Wortschatz hat sich im Laufe von wenigen Tagen sehr bereichert. Du wirst vielleicht darüber nicht sehr erfreut sein. Zum Lesen komme ich leider sehr wenig. Deshalb mein Bücherpaket! Leider nur diese wenigen Zeilen! Mein armes Mädchen muß nach wie vor allein bleiben. Ich bin aber überzeugt, daß es den Mut nicht verliert und an mich denkt. Du bist jedenfalls immer bei mir. Gesundheitlich geht es mir ganz gut. Unsere Post bekommen wir am Dienstag. Richte dich darnach ein und schreibe deine schönen Briefe an

Karte von Rosemarie

Lieber Georg,

nun habe ich alle Tage vergeblich auf eine Nachricht von Dir gewartet. Sicher herrscht an Deinem neuen Aufenthaltsort eine andere Schreiberlaubnis. Oder bist Du nicht gesund? Du wolltest mir doch schreiben, was ich Dir schicken soll.

Nun, denke nicht, daß ich nicht genau weiß, daß Du mir schreibst, wenn Du kannst. Du weißt ja, was Deine Briefe mir bedeuten. Ich hab’ Dir noch gar nicht gesagt, wie sehr ich mich über den letzten gefreut habe. Du bist natürlich selbst sehr traurig, daß Du noch nicht entlassen wirst. Aber von Deinem eigenen Kummer schreibst Du kein Wort, wie ich es so oft tue. Du denkst nur daran, daß ich traurig sein werde u. versuchst mir die betrübliche Nachricht möglichst sanft beizubringen.

Du sorgst Dich so rührend, wie ich meine Sonntage zubringe. Das brauchst Du aber nicht. Ich habe meist etwas Hübsches vor, u. es liegt nur an mir, wenn ich mich dann doch nicht so recht daran freuen kann, weil du nicht dabei bist.

Ich habe mich übrigens schon nach dem Preis der Sonntagsfahrkarte nach Frankenberg (d(as) i(st) doch Eure Station) erkundigt. Er ist viel niedriger als der Preis der Karte nach Dresden. Da möchte ich, falls ich die Erlaubnis erhalte, Dich nächsten oder übernächsten Sonntag besuchen, wenn es Dir recht ist. Du schüttelst den Kopf über Deine verschwenderische Frau. Aber wenn Du wüßtest, wie sparsam sie sonst ist.

Viele Grüße

D. M.

Brief von Rosemarie

Lieber Georg,

heute habe ich Dein Bücherpaket erhalten u. weiß nun wieder, wohin ich meine Gedanken schicken soll. D. h. ehrlich gestanden weiß ich nicht, wo Frankenberg ist. Aber es klingt nach frischer Luft, der Du hoffentlich teilhaftig wirst. Nach dem militärisch klingenden Absender scheint ja Aussicht darauf zu bestehen. Jetzt hast Du vielleicht auch Gesellschaft, was Dir nach der 5 Monate langen Einzelhaft eine Abwechslung sein wird.

Als ich in Deinem letzten Brief las, daß Du nun wieder nicht nachhause, sondern noch weiter weg kommst, blieb mir mein Herz stehen vor Schreck u. Kummer. Aber dann nahm ich mich schon wieder zusammen. Ich veranstaltete ein wildes Großreinemachen, um unseren Balkon instand zu setzen. Und als alle Fenster blitzten u. der Fußboden glänzte, war mir schon besser. Dann arbeitete ich 3 Stunden für einen Universitätskurs, an dem ich jetzt teilnehme. Und dann hatte ich schließlich die Illusion, daß mir jemand über den Kopf strich u. sagte, daß ich „brav“ gewesen sei. Wenn es aber diesen jemand nicht mehr gäbe, der mir das sagen könnte, fiele ich gleich um u. rührte keine Hand mehr.

Sei nicht böse, daß ich so persönlich denke u. gar nicht sachlich. Gewiß ist mir die Sache wert oder kann mir wert sein auch ohne die Person. Aber jetzt drängt sich nur alles in den Gedanken an Dich zusammen u. alles andere scheint mir nicht so wichtig.

Dein Urteil über „Die Hauptstraße“ hat mich sehr interessiert. Natürlich hast Du recht, daß der Hennicott ein „Kerl“ ist, der was ist u. kann. Er ist ein tüchtiger Spezialist, aber sonst doch ein Banause. Daß die Frau in Deinem Urteil so schlecht wegkommt, tut mir richtig leid. Natürlich leistet sie nichts mit ihren etwas wagen u. phantastischen Plänen, aber so einen Menschen gibt es gar nicht, der die Stumpfheit und Beschränktheit der „Hauptsträßler“ überwinden könnte. Und sie ist doch ein tapferer Kerl, wie sie immer wieder versucht, Sturm zu laufen gegen die Ungeistigkeit ihrer Mitmenschen. Ich weiß aber schon, warum sie Dir nicht gefällt, weil sie ein ausgesprochen ästhetischer Typ ist.

Wenn Frankenberg nicht gar zu weit ist, möchte ich Dich doch mal besuchen. Dir scheinen vielleicht solche Besuche nicht sehr sinnvoll, da man sich nur so kurze Zeit unterhalten kann. Aber mir sind sie doch furchtbar wichtig. Deshalb bitte ich Dich mir zu schreiben, ob eine Möglichkeit besteht, Dich Sonnabend nachm. oder Sonntag zu sehen. Bitte denke daran, daß es jetzt meine einzige Freude ist.

Viele Grüße

Deine Marusja

Warum schreibst du als Absender nicht Dr. Georg Sacke. Was man so ehrlich verdient hat wie Du Deinen Dr. Titel, soll man nicht vergessen. Du weißt übrigens, daß Du Dich jetzt Dr. habil. nennen kannst? (Titel für alle, die Habil. gemacht haben, ganz gleich, ob sie an einer Universität lesen oder nicht.)