Kategorie: Allgemein

Brief von Georg

Meine liebe Kleine,

ich habe schon lange darauf gewartet, daß du den Versuch machen wirst, eine Besuchserlaubnis zu bekommen.Trotzdem war es für mich eine große Überraschung, als man mich zu dir geführt hat. Ich werde noch lange von den wenigen Minuten zehren, die ich mit dir zusammen war. 5 Monate haben wir uns nicht gesehen! Du kennst nunmehr die Welt, in der ich seit 4 Monaten lebe. Einige meiner Kameraden haben sich übrigens gleich gesagt, daß es „Schorsch seine Frau ist“, als sie dich sahen. Es scheint doch, daß wir uns in irgendeiner Art ähnlich sind. Heute wurde mir gesagt, daß ich mit dem nächsten Transport nach Leipzig gebracht werde. Der Tag ist noch nicht bekannt. Einige Tage vor der Verhandlung werde ich bestimmt in Leipzig sein. Ich freue mich sehr, daß ich das schon jetzt dir mitteilen kann.

Wir sehen uns bald wieder.

Georg.

Brief von Rosemarie

Lieber Georg,

ich sitze im Zug u. werde gleich zu Dir fahren. Ich habe erst noch die Post abgewartet, nun habe ich endlich Deinen lieben Brief in Händen. Er würde mir große Sorgen bereiten, wenn ich nicht zu Dir fahren dürfte. So werde ich Dich bald sehen, Deine Hände haben. Da treten alle Sorgen in den Hintergrund.

Auch ich zähle – wie Du – die Tage u. Wochen bis zum 14. Oktober. Ich glaube bestimmt, daß dieser Tag uns vereinigen wird. Es kann ja nicht anders sein. Ich fühle mich ganz mutig für das Leben, das dann für uns kommen wird u. das ja noch viel größere Schwierigkeiten bringen wird als unser bisheriges. Wenn wir nur wieder zusammen sind.

Der Zug schüttelt so, u. ich freue mich so schrecklich. Da kann ich gar nicht weiter schreiben. Auf der Heimfahrt wird es besser gehen. —
Nein, es geht nicht besser. Nun sind die wenigen Minuten, auf die ich mich 5 Tage lang gefreut habe, schon wieder vorbei. Nun heißt es wieder Geduld haben u. warten.

Aber schön war es doch, Dich zu sehen – noch dazu gesund u. voller Spannkraft. Ich mußte da, während ich Dir gegenüber saß, an ein Wort denken, das jemand über Dich gesagt hat: Du seist „gesammelt“, darum würde es Dir vor Gericht gut gehen, d. h., Du würdest einen guten Eindruck machen. Hoffentlich!

Es ist auch gut, daß ich das Milieu kenne, in dem Du lebst. Gartenhüte, Badehosen u. Sportunterhosen passen da freilich nicht herein.
Lieber, guter Junge, Du warst so gut zu mir. Und es fällt Dir sicher schwer, vor fremden Menschen so zu mir zu sein. Ich vergesse dann ganz, daß ich nicht mit Dir allein bin. Aber darüber bist Du doch nicht böse? Bitte nicht.

Wenn man in die Nähe Eures Lagers kommt, hört man immer das Singen. Das macht einen sehr seltsamen Eindruck.
Ich denke, daß Du möglichst bald versuchen mußt, zu erfahren, wann vor dem 14. ein Gefangenentransport nach Leipzig geht, damit Du dann mitgenommen wirst!

Hoffentlich kommt bald Dein Schreiben an Melzer?

Nun alles Gute für Dich! Dein Freund.

Entschuldige die Schrift! Im fahrenden Zug schreibt’s sich schlecht. Willst Du unsere graue Decke als Schlafdecke haben?

Brief von Georg

Meine liebste Kleine,

endlich ein Brief von dir! Leider konnte ich in der letzten Woche nicht schreiben.
Mache dir jedoch keine Gedanken. Ich bin nach wie vor gesund. Du mußt auch wissen, daß ein Brief an den Rechtsanwalt mich nicht verhindern kann, an meine Frau zu schreiben. Ich weiß ja, wie du auf meine oft so inhaltslosen Zeilen wartest. Es ging trotzdem nicht. Ich bin jetzt dabei, einen Brief an Dr. Melzer zu schreiben. Hoffentlich wird er ihn im Laufe der nächsten Woche erhalten. Ich zähle jetzt Tage und Wochen. Wir müssen beide Geduld haben, mein lieber guter Freund! Wir sehen uns doch bald wieder. Das Geld habe ich erhalten. Leider! Du hättest es nicht schicken sollen. Bis zur Verhandlung komme ich sehr gut aus. Es wird hoffentlich deine letzte Sendung sein. Mein Brief an den Rechtsanwalt wird vielleicht eine Reise entbehrlich machen.

Georg.

Brief von Rosemarie

Lieber, alter Junge,

heute kommst Du kurz weg. Schule, Englisch, Lektion für den Schulratshelfer, Haushalt (1%) – das ist genug! Mir brummt der Kopf, aber es macht Spaß. Und viel Arbeit ist die einzige Medizin gegen die große Sorge um meinen Kameraden, von dessen Leben ich so gar nichts weiß.

Ich habe jetzt ausprobiert, daß ich akustische Eindrücke sehr gut rekonstruieren kann. Da stelle ich mir oft Deine Stimme vor. In der Erinnerung erscheint sie mir ungeheuer lebendig. Ich glaube, es kommt daher, daß ihr größere Unterschiede in der Tonlage kennt u. viel rascheren Übergang von einer zur anderen.

Nächste Woche will die alte Klara Schlegelmilch zu mir kommen, um mir zu helfen. Du kannst sie nicht leiden, aber ich freue mich doch, einen so hilfreichen Menschen in der Wohnung zu haben. Und wenn sie mich nicht gerade baden u. füttern will, wie sie das von früher gewöhnt ist, wird es ganz gut gehen. So vergeht auch die Zeit bis zum 14. schneller.

Eben habe ich Aufsätze meiner 13jährigen korrigiert u. dabei teils gestöhnt, teils gelacht. Die Antike ist für manche noch ein Buch mit 7 Siegeln. „Niobe, eine Frau von 14 Kindern“ ist gar nichts. Da sollst Du Doris Mäcke lesen! „Achill trat mit allen seinen Kriegern aus.“ (Soll heißen – er kämpfte nicht mehr mit). Und Alice Tietze läßt den Völkerfürsten Agamemnon sagen: Wozu soll ich die Chryseis rausgeben? Die gefällt mir besser als meine Frau!“ Recht hat Alice Tietze freilich. Aber für mich ist es manchmal gar nicht leicht, diese Klippen der Homerlektüre zu umschiffen. Besonders Zeus stellt in dieser Beziehung ein schwieriges Problem dar.

Vielleicht wunderst Du Dich, daß ich so vergnügt schreibe. Ach, Georg, ich will den Kopf nicht hängen lassen, weil ich weiß, Du kannst es nicht leiden. Hoffentlich machst Du Dir nicht allzu viel Sorgen.

Dr. Melzer hat noch nichts von Dir bekommen. Das beunruhigt mich etwas. Er sagt, an ihn dürftest Du jederzeit schreiben. Ich habe auf mein Gesuch keine Antwort bisher.

Deine Rose.

Heute ist Dein Brief ausgeblieben. Erst war ich furchtbar enttäuscht, habe mir dann aber gesagt, daß Du diese Woche vielleicht an Dr. Melzer schreibst statt an mich. Ich rufe ihn gleich morgen an. Hoffentlich hat er etwas bekommen. Sonst denke ich, daß Du krank bist.

Ach Georg, ich stelle es immer wieder fest: es gibt für mich keinen Mann außer Dir u. wird auch nie einen geben.

Brief von Rosemarie

Lieber Georg,

jetzt funktioniert unser Briefwechsel wieder, da ich mit meinem Brief warten kann, bis ich – meist Sonntag früh – Deinen bekommen habe. In Lobenstein mußte ich meinen Brief wegschicken, bevor ich Deinen in Händen hatte.

Ich nehme an, daß Du ein Gesuch nach Dresden gemacht hast, um die Erlaubnis zu bekommen, an Dr. Melzer zu schreiben. Bitte teile mir gleich mit, wenn Du sie erhalten, bzw. Deinen Brief an Dr. Melzer geschickt hast. Ich habe übrigens auch ein Gesuch gemacht, da wenigstens ich Dich besuchen möchte, um Deine Wünsche die Verteidigung betreffend Herrn Dr. Melzer übermitteln zu können. Ich habe bisher keine Antwort erhalten. Hoffentlich ist es Dir recht, daß ich diesen Versuch gemacht habe. Sollte Dir bezw. Dr. Melzer die schriftliche bezw. mündliche Mitteilung durch mich nicht genügen, muß dann Dr. M. doch noch zu Dir fahren. Du weißt ja, daß es mir nicht leicht sein wird, das Geld aufzubringen. Aber es muß dann eben sein. Es darf keine Gelegenheit vorbeigelassen werden, daß Dir Recht wird.

Hoffentlich ordnet sich alles recht bald. Dr. Melzer beabsichtigt ev. eine Verteidigungsschrift einzureichen. Dazu müßte er Dein Material ja in Händen haben. Und 7 Wochen ist keine lange Zeit mehr.

Nach der Entscheidung des Stadtschulrats darf ich weiterhin beruflich tätig sein u. wenn von Seiten der Elternschaft kein Einspruch erhoben wird, was bis jetzt ja nicht geschehen ist, werde ich auch weiter dort arbeiten dürfen.

Du hast mir oft gewünscht, daß ich einmal von Hause fort käme, woanders studierte, um einmal ganz selbständig u. unabhängig zu sein. Solche unbegrenzte Freiheit habe ich jetzt. Niemand fragt mich, wann ich gehe oder komme, was ich tue u. lasse. Wenn ich zu Besuch bin, bleibe ich oft über Nacht; mittags gehe ich auch oft nicht heim, esse gleich in der Stadt. Ich kaufe, was ich mag, lade ein u. beschenke (in bescheidensten Grenzen), wenn ich Lust habe. Wenn ich nun auch bei Dir viel Freiheit hatte, so ist das doch noch anders. Aber vor allem ist es ein enormer Unterschied zu meinem Leben bei der Mutter. So gut sie es sonst meinte, da hat sie einen Fehler begangen. Die Folge davon war, daß sich mein Selbstbewußtsein gar nicht entwickeln konnte. Hoffentlich haben sich Selbstbewußtsein und Freiheitsliebe jetzt nicht so entwickelt, daß Du dann Not mit mir hast. Ich denke aber sehr, es wird leichter für Dich sein als früher.
Ich habe jetzt viel zu tun. Eine Lektion: Einfluß des Papsttums auf Deutschland.

Dann betreibe ich viel Englisch, was für mich von großer Wichtigkeit ist. (Frl. Chelius! Abgang ist eine Frage der Zeit u. man denkt an mich als ihre Nachfolgerin.)

Denke Dir, vorgestern bin ich mit meiner Klasse in einem großen Flugzeug (30 Personen) geflogen. Ich wollte mit erst die 2,50 sparen, aber die Kinder bettelten so sehr, daß ich mit fuhr. Es war ganz herrlich! Bitte schreibe, wie es Dir geht.

Rose.

Deine Geschwister schreiben öfter. Ihre Teilnahme freut mich sehr. Sogar der 100prozentig schreibfaule Poldi schrieb gestern. Das ist eine Leistung für ihn.

Brief von Georg

Meine liebe Kleine,

du weißt nunmehr, daß alle deine Vorwürfe grundlos sind. Auch in der Zukunft mußt du immer daran denken, daß nur äußere Umstände hindern mich zuweilen, über die Behandlung von sachlichen Dingen hinauszugehen. Es freut mich sehr, daß ich dir noch rechtzeitig geschrieben habe, daß der Besuch des Rechtsanwalts überflüssig ist. Dies ist zweifellos ein sehr teures Vergnügen. Und es ist sinnlos, das Geld auszugeben, wenn man sich vielleicht auch schriftlich verständigen kann. Sollte dies nicht möglich sein, wird er doch auch später zu mir fahren können. Über die Bilder habe ich mich sehr gefreut. Deine Kur scheint dir sehr gut bekommen zu haben. Du siehst gar nicht als eine alte Ehefrau aus. Aus deinem Brief geht hervor, daß du nach wie vor in der Schule bist. Für mich ist dies eine große Beruhigung.

Dein Georg.

Brief von Rosemarie

Lieber Georg,

ich danke Dir sehr für Deinen Brief vom 18. 8. Siehst Du, wenn ich vernünftig bin, sage ich mir selbst, daß Du nicht Zeit u. Gelegenheit hast, ausführliche Briefe zu schreiben. Aber manchmal bin ich eben unvernünftig. Bitte sei mir deshalb nicht böse.
Herr Dr. Melzer hatte beschlossen, Dich Mitte der Woche zu besuchen. Ich werde ihn nun morgens anrufen u. ihm Deinen Vorschlag, sich schriftlich zu verständigen, übermitteln. Hält er es trotzdem für besser, hinzufahren, wird er dann mit Dir sprechen. Ich wünsche es eigentlich sehr. Aus ganz egoistischen u. törichten Gründen. Ich möchte gern jemand sprechen, der Dich gesehn u. gesprochen hat, da ich selber Dich nicht sehn kann. Aber wenn Dr. Melzer meint, daß schriftliche Verständigung genügt, muß es natürlich auch so gehen.

Nun arbeite ich schon wieder 10 Tage u. merke, daß ich mich sehr gut erholt habe. Es wird mir das Unterrichten ganz leicht. Nur meine einsame Wohnung war mir zuerst schrecklich. Wenn ich da so allein sitze, komme ich manchmal auf dumme Gedanken. Für gewöhnlich bin ich aber ganz optimistisch. Ich erwarte sehr viel von der Verhandlung. Geht sie gut aus, wirst Du sicher nicht ausgewiesen. Solltest Du jedoch wieder Erwarten Deutschland verlassen, werden Dir Deine Geschwister bestimmt Geld schicken, wenn es auch schwierig ist, aus Rumänien etwas hereinzubekommen.

Ich lege Dir heute 2 Fotos aus der Sommerfrische bei. Auf dem einen Bild führe ich gerade den widerspenstigen Klaus, der zum hundertsten Male ins Wasser patscht, heraus. Nur leider sieht man dabei von meinem Gesicht gar nichts. Das andere Bild von den beiden Kindern finde ich so besonders hübsch.

Und nun für heute Schluß. Alles, alles Gute. Du weißt, daß ich immer an Dich denke, daß ich alles tun will, was in meinen schwachen Kräften steht, um Dir zu helfen. Sage mir, daß Du genau wie ich daran glaubst, daß wir wieder einmal zusammen u. glücklich leben u. Arbeit u. Kinder haben werden.

Schreibe mir bitte, was Dein Magen macht. Du bist sonst jetzt sicher sehr abgehärtet u. gesund!

Deine R.

Brief von Georg

Meine liebe Kleine, es steht mir viel zu wenig Platz zur Verfügung, als daß ich in der Lage wäre, den Charakter einiger meiner Briefe zu erklären. Nunmehr weißt du aber, daß ich nach wie vor nur darnach strebe, wieder bei dir zu sein. Deine Fahrt nach Dresden hat mir wieder gezeigt, daß ich mich in der Beurteilung meiner Frau, meines liebsten und besten Freundes nicht irre. Mit der Ausweisung habe ich schon gerechnet. Die Hauptsache ist, daß man dich in Ruhe lässt. Es hat keinen Zweck vor der Verhandlung irgendwelche Schritte zu unternehmen. Für den Fall, daß ich ausgewiesen werde, schreibe bitte an meinen Bruder in Riga und an meine Schwester Hedy. Vielleicht können sie mir etwas Geld zur Verfügung stellen. Dein Geld habe ich erhalten. Bis zum 1. 9. komme ich gut aus. Dr. Melzer soll vorläufig in Leipzig bleiben. Ich will ihm alles schriftlich mitteilen.

Dein

Zu diesem Brief gibt es noch ein Konzept. Geschrieben auf einem Briefumschlag, den Georg von Rosemarie erhielt. Poststempel ist der 27. 7. 1935:

Es steht für mich viel zu wenig Platz zur Verfügung, als daß ich in der Lage wäre, den Charakter einiger meiner Briefe zu erklären. Nunmehr weißt du, daß ich nach wie vor nur darnach strebe, wieder bei dir sein zu können.
Es ist für mich keine Überraschung, daß man mich an meine Ausweisung denkt. Damit habe ich von vornherein gerechnet. Ich habe auch schon Die Hauptsache ist, daß man dich in Ruhe lässt. Mit der Zeit wird sich schon eine Lösung finden, die uns beide befriedigen wird. Vor der Verhan Es hat jedoch keinen Zweck noch vor der Verhandlung irgend welche Schritte sowohl in Sachen der Staatsang. als auch in denen der Aufenthaltsgenehmigung zu unternehmen. Vorläufig habe ich ja doch eine Aufenthaltsgenehmigung, wenn auch nicht in Le. Für den Fall, daß ich darnach werde fortfahren müssen ausgewiesen werde, möchte ich dich bitten, an meinen Bruder in Riga und an die meine Schwester Hedy zu schreiben. Ich kann unter Umständen etwas Geld von denen bekommen. Vielleicht ist es ihnen möglich, für mich; das mir etwas Geld bereitzustellen auszuzahlen; zur Verfügung zu stellen. Daß du selbst nach Dresden gefahren bist, hat mir nochmals bestätigt, daß Deine Dresdener Reise hat mir nochmals gezeigt, daß ich mich in der Beurteilung meiner Frau nicht irre. Immer wieder sehe ich, daß sie mein treuster und liebster Freund ist. Es hat kaum einen Zweck, daß Dr. Melzer nach Sachsenburg kommt. Dies wird viel zu viel Geld kosten. Ich teile ihm zuerst alles schriftlich mit. Dann werden wir sehen, ob eine Unterredung nötig sein wird. Einige Tage vor der Verhandlung werde ich ihn auf alle Fälle sprechen können.

Brief von Rosemarie

Lieber Georg,

Dein letzter Brief hat gleich alles wieder gut gemacht, was der vorletzte weh getan hat. Ich fragte mich immer wieder, ob denn in einer ganzen Woche nicht Zeit sei zu 10 Minuten Konzentration, um mir auf 21 kurzen Zeilen irgend etwas Gutes zu schreiben. Etwas Gutes als Antwort auf meinen vorletzten Brief – in dem ich glaubte, alle Kraft, allen Mut u. meine ganze Liebe für Dich zusammengefaßt zu haben. Nun, Dir hat einmal der letzte besser gefallen – aber jedenfalls ist alles wieder gut. Ich habe wieder das Gefühl, in nahem Kontakt mit Dir zu stehen. Das ist das Einzige, was ich nicht verlieren darf, ohne zusammenzubrechen.

Du hast in Deiner Haftzeit so selten einen Wunsch geäußert, daß mich der eine, wiederholt geäußerte, nach Leipzig überführt zu werden, nicht ruhen ließ. Ich wandte mich also trotz der Ferien an Dr. Melzer, der mir mitteilte, daß man sich an die Ge. Sta. Po. wenden müsse. Da ich heute ganz unverhofft einen freien Sonnabend hatte, fuhr ich gleich nach Dresden.

Ich mußte etwas warten, bis ich vorgelassen wurde. Während ich im Vorraum saß, kam eine junge, frische Frau und ließ ihren Mann, einen der Herren von der Geh. Sta. Pol., herausbitten, um ihm etwas Vergessenes zu bringen. Der Herr war ungefähr in Deinem Alter, u. ich dachte, als ich die beiden so fröhlich zusammen sah, daß wir auch mal so harmlos u. glücklich miteinander waren, daß ich Dich vielleicht auch so angeschaut habe, wie die junge Frau ihren Mann.

Nachher erwies es sich, daß derselbe Herr Dein Sachbearbeiter ist. Er teilte mir auf meine Fragen mit, daß Du vor dem 14. Okt. keinesfalls entlassen werden könntest, daß Du, wie üblich, einige Tage vor der Verhandlung nach Leipzig kämest. Man könne keine Ausnahme mit Dir machen, indem man Dich längere Zeit vorher nach Lpzg. brächte. Eine Unterredung Dr. Melzers mit Dir in Sachsenburg würde gestattet werden. (Bereite Dich also darauf vor.)

Es tut mir furchtbar leid, daß ich Dir keinen besseren Bescheid schicken kann. Ich hoffe doch, daß Du in Sachsenburg Gelegenheit haben wirst, mit Dr. M. Deine Verteidigung ausführlich zu besprechen. Am besten alles auch schriftlich niederlegen.

Weiterhin teilte mir der Herr noch etwas mit, was ich Dir eigentlich verschweigen wollte. Aber ich glaube, Klarheit ist hier doch das Beste. Wie es scheint, berät man augenblicklich darüber, ob Du ausgewiesen werden sollst oder nicht. Bitte teile mir mit, ob ich mich in dieser Sache schon jetzt an die Kreishauptmannschaft wenden soll. Oder ist es besser, auch damit bis nach dem Prozeß zu warten? Vielleicht geht es auch noch gut u. Du wirst nicht ausgewiesen.

Hast Du das Geld vom 1. 8? Wann brauchst Du wieder?

Hedy habe ich Mitteilung gemacht von dem Entzug der Staatsbürgerschaft. Sie ist in großer Sorge um Dich.

Viele Grüße u. alles Gute!

D. M.

Eines halte ich für möglich. Sollte Deine Gesundheit nicht gut sein, indem Dein Magenleiden schlimmer geworden ist, würde vielleicht ein entsprechendes Gesuch um Haftentlassung mit beigefügtem Zeugnis Erfolg haben. Eben lese ich noch einmal Deinen Brief u. stelle fest, daß Du Deine Frau in zu „rosigem“ Lichte siehst. Aber wenn Deine Charakteristik auch falsch ist – so viel Selbstkritik habe ich noch – ich spüre doch eine Wärme in Deinen freundlichen Worten, die mir viel Kraft gibt. Ich bin auch so froh, daß Du auf mich zuläufst, wie ich auf Dich. Noch 65 Schritte, wenn alles gut geht. Das ist doch nicht viel!
Es ist auch sehr gut, daß Dir die Tage dort kurz sind. Da vergehen sie schnell!

Brief von Rosemarie vom Sommer 1935

Lieber Junge,

bis jetzt habe ich für unsere Schulleiterin Hefte korrigiert, deren Mutter sehr krank ist. Ich bin sehr müde, aber Du, mein Junge, sollst noch Deinen Brief haben.

Die Ferien habe ich ganz nützlich verbracht. Zuerst mit meiner Schwester die Abrechnung gemacht. Dann war ich jeden Tag beim Zahnarzt. In der Wohnung habe ich auch ein bißchen gewirtschaftet, nun ist alles schmuck für Dich. Ach, wie oft habe ich schon alles für Dich schön gemacht! Und immer vergeblich. Aber diesmal habe ich große Hoffnung, daß wir uns endlich bald wiedersehen. Daran ist vor allem Deine Karte aus Chemnitz schuld, die ich immer u. immer wieder lese. Es spricht daraus solch freudige Gewissheit, daß wir uns bald sehen.
Heute dachte ich, daß ich’s trotz allen Kummers gut habe – viel, viel besser als andere Frauen. Unsere Schulleiterin ist doch äußerlich sehr glücklich, aber im Grunde furchtbar einsam. Sie hat keinen Menschen, der ihr Kamerad sein könnte. Ich aber bin nie einsam, auch wenn Du noch so weit fort bist. Ich weiß, daß wir innerlich so fest verbunden sind, daß ich mich nie allein fühlen kann. Mein lieber Kamerad, mein Junge, was müßte ich Dir allein dankbar sein, daß ich das Gefühl keinen Menschen zu haben, der einen völlig versteht, nicht kenne.

Für unser neues Zusammenleben habe ich viele gute Vorsätze gefaßt. Alles das, was ich vor unserer Trennung noch nicht gut gemacht habe, will ich jetzt recht machen. Nicht müde und faul sein, nicht streiten, nicht rücksichtslos sein. Ich weiß mit aller Bestimmtheit, daß ich meine Vorsätze durchführen werde. Die Kraft dazu kommt mir dazu aus einer Quelle, die hoffentlich nicht versiegen wird. Diese Quelle ist die lange, qualvolle Zeit unsrer Trennung. Diese Zeit hat mir gezeigt, was Du mir menschlich wert bist.

Schreibe bald Deiner M